Viva Venezia Viva 2017

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Viva Venezia Viva 2017

Beitragvon Sören » 30.11.2017 23:13:40

Moin zusammen!

Mit etwas Verzögerung möchte ich noch ein paar herbstliche Eindrücke aus Venedig mit euch teilen, bevor wir uns alle gänzlich der vorweihnachtlichen Stimmung hingeben. ;)

Es war ein freundlicher Herbsttag im Jahre 2016 des Herrn, als ich mich in der Venedig-Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum berieseln ließ. Vor einem großen Panorama, welches die Stadt in ihrer Gänze präsentierte, geriet eine Freundin von mir in großes Entzücken. Sie erzählte, wo die Universität sei, wo sie gewohnt habe und dass es in jener Eisdiele das beste Eis gäbe. Das konnte ich - Forscher durch und durch - so nicht stehen lassen. Schließlich könnte sie uns viel erzählen und letztlich müsste man diese Thesen schon vor Ort auf ihre Validität prüfen (Obacht: irreale Spekulation im Konjunktiv II). Etwa ein Jahr später, es war die letzte Septemberwoche, saßen wir am Hamburg Airport und warteten auf unseren verspäteten Easyjet-Flug nach Venedig...

"Sie können sich gerne schriftlich beim Hamburg Airport beschweren", verkündete eine Flughafenmitarbeiterin an uns Passagiere, die wir dicht gedrängt in einem stickigen Treppenhaus darauf warteten, endlich zum Flugzeug gehen zu dürfen. So eine schroffe Gastfreundschaft kenne ich sonst nur aus rheinischen Kölsch-Brauhäusern (Shitstorm in 3...2...1 ; Anm. d. Red.: Eigentlich ist der hanseatische Autor Bonn am Rhein mittlerweile sehr positiv zugeneigt). An Bord unserer A319, der G-EZAP, war die italienische Easyjet-Crew schon zu etwas mehr Herzlichkeit im Stande. Dass einige Passagiere dies nun mit Beifall nach der Landung goutieren mussten, hätte aber dennoch nicht Not getan.

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Vom Flughafen brachte uns der Linienbus über eine lange Brücke nach Venedig. Die Fahrt endete am dortigen Busbahnhof, denn wie wir von Donna Leons Commissario Brunetti wissen, bewegt man sich dort vorrangig auf dem Wasser oder zu Fuß fort. Wir bevorzugten Letzteres, denn unsere Ferienwohnung war im nahegelegenen Santa Croce. Die Sonne war mittlerweile untergegangen, doch in der Abenddämmerung ließ sich die Schönheit der Stadt schon erahnen, als wir an den alten Häusern entlang des Canale Grande vorbei liefen. Ich war vorsichtig optimistisch gestimmt.

Für unseren ersten richtigen Tag in Venedig hatten wir drei uns nicht weniger vorgenommen, als die halbe Stadt zu belaufen. Bis dahin war ich noch in dem Glauben, dass sich die Stadt schnell zu Fuß erkunden ließe. Und der Anfang war leicht gemacht. Die Sonne schien und wir schlenderten bei angenehmen 22 Grad durch die hübschen Gassen von Santa Croce und Dorsoduro. Völlig überraschend entdeckten wir den armenischen Palazzo, der nicht nur eine interessante Ausstellung von "verbrannter" und "zerknüllter" Kunst zu bieten hatte, sondern auch einen wundervollen, grünen Innenhof.

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Zur Kunstbiennale werde ich noch einen eigenen Beitrag verfassen, denn ein Besuch in der Arsenale und Giardini stand ebenfalls auf unserem Programm. Doch nicht jedes Teilnehmerland hat einen eigenen Pavillon in dem großen "Biennale-Park", den Giardini. Stattdessen mieten sie über die gesamte Stadt verteilte Palazzi, die ansonsten meist leerstehen. Eine tolle Gelegenheit, so manchen Altbau von Innen zu betrachten (natürlich nur echt mit der typisch venezianischen Holzbalkendecke).

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Je stärker wir uns der Punta della Dogana näherten, desto voller wurde es in den Gassen. Bislang waren wir den Massen aus dem Weg gegangen, doch die Dichte an Museen und Hotels nahm zu. Kein Wunder, denn von dieser Spitze hatte man einen tollen Blick auf den Canale Grande und das gegenüberliegende Ufer mit dem Dogenpalast.

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Ich hatte meine forschungsfreie Zeit für Ende September/Anfang Oktober präzise geplant, ausgeliehene Bücher verlängert und sogar meine Forschungsunterlagen mit nach Hause genommen (finde den Fehler). In dem ganzen Stress wollte ich mir das Laden der Kameraakkus für zu Hause aufsparen - man muss ja auch mal abschalten. Leider hatte ich mental dann schon so sehr abgeschaltet, dass ich mein Ladegerät in Bonn habe liegen lassen, was mir einen mittelschweren Herzkasper bescherte. An Ersatz war einen Werktag vor der Abreise nicht mehr zu denken.

Also musste mein Weiss-Ersatzakku den Trip wuppen. Der war zwar aufgeladen, aber bei weitem nicht so ausdauernd wie das Canon-Original. Daher nahm ich zur Verstärkung die kleine Kompaktknipse meines Vaters mit, die sich als großes Glück herausstellte. Qualitativ waren die Resultate zwar eher enttäuschend, doch ohne die kleine Kamera hätte mein DSLR-Akku die ersten zwei Tage nicht überstanden. Es gab einfach viel zu viel zu entdecken und festzuhalten. Ich neigte dazu, fast auf jeder Brücke stehen zu bleiben, da der Blick in den Kanal stets um ein My schöner wirkte. Und zugleich wies unsere Venedigexpertin Melanie darauf hin, dass wir alles sofort fotografieren sollten und alle interessanten Geschäfte direkt besuchen sollten, weil man in Venedig nie wisse, ob man dort noch einmal vorbei kommen werde.

Über die Accademia-Brücke steuerten wir langsam auf das touristische Zentrum Venedigs zu: den Markusplatz. Heerscharen von Touristen strömen dort Tag für Tag vorbei, um den wichtigsten Platz der Stadt und die angrenzende Markuskirche samt Glockenturm, der Campanile, sowie den Dogenpalast zu sehen. Napoleon soll den Markusplatz auch als "schönsten Festsaal Europas" bezeichnet haben. Und das ist sicherlich ein eindrucksvoller Ort. Durch den Handel der Venezianer war die Stadt seit jeher sehr reich; das schlägt sich auch in der Architektur nieder. Heute ist es dort jedoch so überlaufen, dass es etwas an Reiz einbüßt.

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Es wurde langsam Abend und wir hatten erst die Hälfte unseres Tagespensums geschafft. Daher musste das Ghetto warten. Außerdem galt es, sich die Kräfte einzuteilen, denn am nächsten Morgen wollten wir früh aufstehen. Denn morgens und abends, wenn die Kreuzfahrttouristen auf ihren Dampfern sitzen, ist es ein wenig entspannter in der Stadt. Letztlich schafften wir es doch erst nach acht Uhr aus dem Haus. Nicht so früh wie erhofft, aber früh genug, um vor der Müllabfuhr das Weite gesucht zu haben. Denn jeden Morgen gegen zwanzig nach acht kamen die Müllmänner und klingelten Sturm. Den ersten Morgen saß ich noch senkrecht im Bett, später wartete ich förmlich auf die nahende Frühpatrouille. Das ist übrigens auch ein Grund, warum Venedig trotz der Enge und der Masse an Touristen recht sauber ist, denn sechs Tage die Woche wird morgens der Müll abgeholt. Normalerweise riecht es in alten Städten ja gerne mal etwas muffig und ranzig - zu unserer Zeit dort war es allerdings die große Ausnahme, wovon ich positiv überrascht war.

Auf unserem morgendlichen Spaziergang sahen wir viele adrett gekleidete Venezianer auf dem Weg zur Arbeit. Lastenschiffe lagen in den Kanälen; Spediteure brachten die Fracht in atemberaubendem Tempo durch die Gassen. Mit einem "permesso" oder "attenzione" schlängelten sie sich an den Fußgängern vorbei.

Die Popularität der Stadt hat auch ihre Schattenseiten. Venedig hat mit dem Kreuzfahrt-Boom schwer zu kämpfen. Die großen Schweröl-Dampfer verpesten nicht nur die Luft, sie verdrängen bei ihrer Passage entlang des Markusplatzes enorm viel Wasser, was der Stabilität der Gebäude und Uferpromenade zusetzt. Das Magazin "Plus-Minus" der ARD hat darüber berichtet - die entsprechenden Plakate hängen in der gesamten Stadt. Zwischenzeitig drohte sogar die UNESCO mit der Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels. Einige Wochen nach unserem Besuch haben die Behörden die Durchfahrt durchs Zentrum für die großen Kreuzfahrtschiffe untersagt - ausgestanden ist das Thema jedoch noch lange nicht.

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Auf unserem Weg zum Markusplatz zeigte sich, dass längst auch viele Besucher auf den Beinen waren. Immerhin waren jedoch die kleinen Geschäfte auf der Rialto Brücke geschlossen, sodass das bunte Touristen-Chichi hinter den dunklen Holztüren verborgen blieb. Und auch das Licht war noch ganz herrlich.

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Wir hatten ursprünglich die Hoffnung, dass es morgens noch etwas leerer auf dem Markusplatz sein würde. Ich hoffte auf ein paar schöne Aufnahmen, doch letztlich bildeten sich schon lange Schlangen vor den Eingängen zum Dogenpalast, Markusdom und der Campanile di San Marco, dem Glockenturm des Doms. Wir reihten uns dennoch in die Schlange für den Markusdom ein und kamen sogar erstaunlich schnell in die wohl bekannteste Kirche der Stadt.

Und an dieser Stelle muss ich eine Lanze für die venezianischen Kirchen brechen. In den vergangenen Jahren habe ich so manches katholisches Gotteshaus von innen betrachtet. Einige waren eindrücklicher, andere weniger - aber alle nahmen sie Eintritt. In Venedig war es das Gegenteil. Wir besuchten durchweg sehr schöne Kirchen, deren Besuch in der Regel kostenlos war - eine freiwillige Spende war natürlich dennoch gern gesehen. Das hat mich wirklich sehr erstaunt. Während die Wände und Decken des Markusdoms mit sehr schönen Mosaiken versehen waren, verfügten andere Kirchen über sehr schöne Gemälde auf Leinwand. Denn die zukunftsorientierten Maler wie Tintoretto wussten, dass ihre Bilder sonst schnell dem feuchten Klima Venedigs anheimfallen und langsam aber sicher vom Putz abblättern würden.

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Für stolze acht Euro pro Nase fuhren wir hoch auf den Glockenturm des Markusdoms. Nicht gerade preiswert, aber der Blick von oben war durchaus beeindruckend. Uns präsentierte sich ein Meer aus terracottafarbenen Dachziegeln. Auf dem dritten Bild ist zudem die abgesteckte Strecke zu erkennen, welcher die Alilaguna-Schnellboote auf ihrem Weg zum Flughafen folgen.

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Auch der Dogenpalast war mit einem regulären Eintrittspreis von 20 Euro kein Schnapper. Dennoch war der Besuch im Inneren durchaus eindrucksvoll und lohnenswert. Dieser Palazzo Ducale war in früheren Zeiten der Regierungssitz der Venezianischen Republik. Dort wohnte nicht nur das Staatsoberhaupt von Venedig, der Doge mit seiner Zipfelmütze, auch die Regierungs- und Justizorgane waren in dem prunkvollen Palast beheimatet. Überall gab es Stuck, vergoldete Schnitzereien und natürlich Gemälde en masse. Das Kontrastprogramm bildete dann das dazugehörige Gefängnis, welches über die Seufzerbrücke erreichbar ist. Es heißt, die Gefangenen haben bei ihrem letzten Blick auf Venedig und in die Freiheit einen Seufzer ausgestoßen, ehe sie in den kalten Katakomben verschwunden sind.

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Am Abend holten wir unseren Besuch im Ghetto nach. Auf dem Weg ins jüdische Viertel bot sich, unweit unseres Appartements, ein wundervoller Blick auf den Canale Grande. Dass die Boote trotz des Gewusels kollisionsfrei ihres Weges entlangschippern ist schon erstaunlich. Denn genau wie die kleinen Wassertaxis und Gondeln, kreuzen auch die Fähren die Fahrrinne stetig auf dem Weg zum nächsten Anleger.

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Dass ich am nächsten auch auf so einem vollen Dampfer stehen würde, ahnte ich am Vorabend noch nicht...

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Als wir so durch Cannaregio spazierten, hoffte ich stets, dass wir noch die Ponte Chiodo finden. Dabei handelt es sich um eine von zwei Brücken Venedigs, die über kein Geländer verfügt. Nun ist das immer so eine Sache, wenn man in Venedig Orte finden will, die nicht so leicht aufzuspüren sind, wie der Markusplatz oder der Bahnhof. Und dennoch schaffte es unsere Venedigexpertin, dass wir plötzlich vor der Brücke standen. Insgesamt navigierte sie uns mit erstaunlicher Präzision durch die schmalen Gassen. Ich glaube, alleine wäre ich verloren gewesen, denn vorrangig sind nur "San Marco", "Ferrovia" (ein wohlklingendes Wort für Eisenbahn) und mit Glück noch die "Rialto" ausgeschildert. Den Rest muss man sich dann selbst zusammenreimen. Eine falsche Abzweigung kann dann schnell einen großen Umweg bedeuten, denn es gibt nur vier Brücken, die über den Canale Grande führen.

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Auf unserem Weg zurück entdeckten wir noch ein Atelier, wo an diesem Abend verschiedene Drucke gezeigt wurden. Leider zog das Licht zahlreiche Mücken an, sodass wir bald weiterzogen. Außerdem wurde es Zeit, ans Abendessen zu denken. Es war bald 20 Uhr und wir hatten bereits die Tage zuvor das Klischee, die Italiener essen spät abends, falsch interpretiert. So viel später als wir Deutschen essen die nämlich gar nicht zu Abend - sie essen aber deutlich länger.

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Am nächsten Tag stand unser Ausflug auf die benachbarten Inseln Murano und Burano an. Um unsere Tageskarte für die ACTV-Fähren bestmöglich zu nutzen, stiegen wir nicht am nahegelegenen Bahnhof auf die Fähre nach Murano, sondern liefern quer durch die Stadt zum Anleger beim Markusplatz. Dadurch konnten wir den Großteil des Canale Grande abfahren. Leider war das Schiff dermaßen voll, dass wir die halbe Stunde stehen mussten. Im Hamburger Hafen bin ich großer Fan von den Fähren - in Venedig muss ich dieses Erlebnis nicht noch einmal haben. Denn beim Umsteigen zeigte sich, dass die Fähre auf die Inseln noch voller würde. Was suchten denn alle dort? Ich weiß es nicht, denn Murano war zwar ganz hübsch anzusehen, doch der Exportschlager schlechthin - das Muranoglas - interessierte mich nur peripher. Problematisch: Fast jedes zweite Geschäft verkaufte Glas von der Insel oder eben das, was die Touristen für Muranoglas halten sollten. Von Ramsch bis zu edlen Schüsseln war dort alles zu haben.

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Durchaus beeindruckend waren jedoch die öffentlichen Vorführungen, welche verschiedene Glaswerkstätten anboten. Binnen kurzer Zeit kreierten die Glasbläser kleine Andenken wie Tierfiguren oder Gläser, welche sie geschickt mit einer Zange formten. Wer also schon auf der Insel ist, sollte sich eine solche Vorführung nicht entgehen lassen.

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Am Nachmittag fuhren wir mit der Fähre weiter nach Burano. Die Insel ist etwas kleiner und gefiel mir gleich viel besser. Burano ist bekannt für seine bunten Häuser - vielmehr gibt es dort auch nicht zu sehen. Allerdings war es dort weder so voll wie auf Murano oder in Venedig, noch gab es dort so viele Touri-Geschäfte. Und es gab Grünflächen - eine Errungenschaft der Moderne, welche ich seit meiner Ankunft in Venedig unbewusst vermisst hatte.

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Die Sonne senkte sich, ähnlich verhielt es sich mit unserer Abenteuerlaune, sodass wir zum Anleger zurückkehrten. Nachdem wir uns eilig versichert hatten, dass der riesige Dampfer mit seinen mindestens drei Decks zurück nach Venedig fährt, wähnten wir uns dem Abendessen nahe. Leider waren wir an Bord des großen Touristen-Rausschmeißers gelandet, der jeden Anlegestelle anfuhr und auf halber Strecke kaputt ging. Schätzungsweise 300 Personen mussten dann das Schiff wechseln, um im großen Bogen zurück nach Venedig zu gelangen. Aber nach bummelig anderthalb Stunden zugiger Fahrt kam der Markusplatz in Sicht. Mich trieb in dieser Zeit vor allem der Gedanke an Marilú an - der neue Radiosender meines Vertrauens. Von AC/DC über Bruce Springsteen bis Guns N' Roses deckte der Sender ein breites Spektrum an Rockmusik ab - das Einschalten morgens und abends war also obligatorisch...

...es sei denn, man wollte noch einen Spritz trinken gehen oder Nachtaufnahmen machen - oder beides (ja ja, wir waren ganz schön verwegen drauf). Ob auf den Holzplanken eines Anlegers am Canale Grande, dem Campo Santa Margharita bei der Uni oder der kleinen Bar nahe unseres Appartements - mit solch einem Aperol Spritz kam italienisches Lebensgefühl auf. Die Abende waren mild, man war umgeben von Venezianern und die Stadt erweckte in der Dunkelheit einen ganz friedlichen und leeren Eindruck.

Überall? Nein, natürlich nicht. Auf vielen Plätzen waren "fahrende Händler" mit ihren billigen Hüten, Tüchern und T-Shirts. Die Leute, die tagsüber schleimige Massen auf den Boden werfen, welche sich dann wieder zu einem Ball formten, schossen abends blaue Lichter in den Himmel, die dann wie Fallschirme zur Erde segelten. Und während die Langzeitbelichtungen zwar die Masse an vorbeilaufenden Menschen unsichtbar machten, wurden die blauen Leuchtspuren dadurch erst sichtbar. Bei diesem Bild hatte ich Glück und musste nur minimalinvasiv mit Lightroom eingreifen.

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Ein besonderes Anliegen war mir ein Foto von der Accademia-Brücke Basilica di Santa Maria della Salute zur blauen Stunde. Nun, so zeitig waren wir an jenem Tag nicht von der Biennale weg gekommen, doch auch so hat der Blick seinen Reiz.

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Langsam ging unser Urlaub in Venedig zu Ende. Nachdem wir den Freitag in der Arsenale verbracht hatten, besuchten wir am Sonnabend mit den Giardini den zweiten Teil der Biennale. Dazu gibt es einen gesonderten Beitrag. An dieser Stelle sei nur erwähnt, dass uns die Giardini nicht so sehr begeistern konnten. Allerdings waren wir mittlerweile auch recht erschöpft. Die Füße und Beine taten weh; ich freute mich schon ein wenig auf den Rückflug. Ein kleines Highlight stand uns dennoch bevor: Traghetto fahren.

An verschiedenen Stellen entlang des Canale Grande hat man die Möglichkeit, mit einer Gondel überzusetzen, um sich den Umweg zur nächsten Brücke zu sparen. Für einen Euro gab es also zwei Minuten Gondelfeeling. Und das hatte es in sich. Auch wenn die Gondolieri einen passenden Moment abzupassen schienen, fühlte sich der Trip wie ein Himmelfahrtskommando an. Immerhin drehte der Kahn mitten auf dem Kanal, danach präsentierten wir uns mit voller Breitseite und mogelten uns auf relativ direktem Weg zum gegenüberliegenden Anleger. Die beiden Gondolieri unterhielten sich indes angeregt über die neue Ringelshirt-Kollektion aus Mailand (Anm. d. Gondel-Kombinats.: pure Spekulation des Autoren, der des italienischen nicht mächtig ist).

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Der fünfte volle Tag in Venedig neigte sich seinem Ende zu. Zählt man An- und Abreise mit je einem Tag hinzu, waren wir eine Woche in Bella Italia. Die meisten, denen ich diesen Reiseplan im Voraus offenbarte, reagierten darüber erstaunt. Sicherlich war das vergleichsweise lang für eine Städtereise - ich hatte anfangs auch kurze Zweifel. Doch Langeweile kam nicht auf. Es gab so viele Dinge zu entdecken und gerade durch den Besuch der Biennale waren wir allein zwei Tage mit der Kunstausstellung beschäftigt. Allerdings schwanden meine Kräfte ob der zahlreichen Eindrücke und des vielen Laufens. Leider hatte niemand eine zukunftsweisende Technologie wie den Schrittzähler aktiviert, aber es müssen verdammt viele Kilometer gewesen sein, die wir in den Tagen hinter uns gelegt haben.

Am siebten Tag, einem grauen Sonntagvormittag, machten wir uns wieder auf den Weg zum Flughafen. Während der schlangenlose Self-Baggage-Drop eine schöne Erfahrung war, gestaltete sich das Warten auf unseren Rückflug als recht unbequem, denn es mangelte an Sitzmöglichkeiten. Da konnte selbst der positive Eindruck von unserer Ankunft nichts mehr reißen - als unsere Trolleys schon beim Eintreffen in der Gepäckausgabe kreiselten. Den Vogel schoss allerdings erneut der Hamburg Airport ab. Einerseits landeten wir überpünktlich mit der reichlich abgerockten G-EZAP in der Hansestadt und dennoch standen sofort Treppen und drei (!) Busse bereit. Doch von der Landung bis zum Erscheinen der ersten Koffer auf dem Band verging eine Stunde. Wir ahnten unser Schicksal bereits, als die Condorgäste aus Hurghada nebenan applaudierten, als deren erste Taschen erschienen. Wenn dann aber direkt vor unserer Nase das Gepäck vom SAS-Charterflug seine Runden dreht, während die dazugehörigen Mein-Schiff-Gäste noch gar nicht da sind, hebt das nicht die Stimmung. Lieber Hamburg Airport, das muss besser werden.

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Doch trotz dieser kleinen Scharmützel war es eine wundervolle Reise. Ich hatte ursprünglich keine genaue Vorstellung von Venedig. Aber Orte, von denen alle schwärmen und die so touristisch überlaufen sind, sind mir suspekt. Mit der Zeit stiegen meine Erwartungen. Dass sie jedoch vor Ort noch übertroffen werden, hätte ich nicht gedacht. Sicher, die Hauptattraktionen waren auch Ende September schwer überlaufen. Überall geisterten Deutsche, Briten und Asiaten (letztere gerne mit Selfiesticks) herum. Doch etwas abseits der Hauptstraßen entwickelten die alten Häuser und die malerischen Kanäle schnell ihren Charme. Und bei Dauersonnenschein und optimalen 22 Grad muss man auch mal ein Auge zudrücken.

Ich hoffe, Euch hat dieser Reisebericht gefallen. Wenn nicht, könnt Ihr Euch gerne schriftlich beim Hamburg Airport beschweren... ;)

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Re: Viva Venezia Viva 2017

Beitragvon MAD » 01.12.2017 20:11:08

Sören, an dir ist ein Schreiberling verloren gegangen. Vielleicht solltest du lieber ein Berufswechsel ins Auge fassen. Wie wäre es mit Reiseführer schreiben und dazu bebildern? Du würdest jede literarische Hitliste anführen!

Mit anderen Worten, ein wirklich toll geschriebener Bericht, angereichert mit vielen sehenswerten Fotos.

BRAVO :top:
Gruß,
Marco

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Re: Viva Venezia Viva 2017

Beitragvon DC1030 » 01.12.2017 20:55:24

Das sehe ich genau so wie Marco. Du bist einer von zwei Mitgliedern hier, bei denen ich mich immer auf möglichst lange Reiseberichte freue! Es schaffen nur ganz wenige, so viel Text und Bilder spannend und kurzweilig zu gestalten! Danke dafür!
Gruß, Thomas

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Re: Viva Venezia Viva 2017

Beitragvon Moonraker » 01.12.2017 23:55:13

He Sören, ich glaube wirklich, Du könntest auch eine Bedienungsanleitung für einen Staubsauger schreiben, die ich begierig bis zum letzten Satz läse :mrgreen: (K II lässt grüßen).

Aber wie auch immer, Du beobachtest genau und schreibst es dann mit Sorgfalt und genau der richtigen Prise augenzwinkernder Selbstironie auf, die die Lektüre auch für mich zum Genuß macht.

Ein Schreibstil, der insbesondere vielen Forschern (Du selbst: "Forscher durch und durch") oftmals völlig fremd ist und das Gespräch mit solchen Menschen bzw. das Konsumieren von deren Fachliteratur so trocken, manchmal auch quälend langweilig macht.

Dass Du auch noch stets interessante und gute Bilder machst, ist fast schon eine ungerechte Verteilung dieser verschiedenen Fähigkeiten :wink:...

Auf jeden Fall immer eine große Bereicherung für den Non-Aviation-Teil hier. Ich warte dann auf den nächsten Bericht, muss auch nicht über Staubsauger sein.
Gruß, Kay
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Re: Viva Venezia Viva 2017

Beitragvon Sören » 03.12.2017 12:41:49

Herzlichen Dank für die Blumen! Ich habe mich sehr über Euer Feedback gefreut. :)

Marco, Kay, noch habe ich über meine Zukunft nicht entschieden. Ich schreibe derzeit meine Masterarbeit über die internationale Schutzverantwortung (R2P) im Hinblick auf Libyen und Syrien und so gern ich mich mit der Politikwissenschaft auch beschäftige, werde ich nächstes Jahr wohl die Forscherei beenden. In den letzten Jahren habe ich verschiedenste Einblicke in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erhalten und sollte ich in dieser Richtung eine Stelle finden, darf ich wahrscheinlich weiterhin in die Tasten hauen. Hoffentlich kommuniziere ich dann fluffigere Themen als Staubsauger. Wobei...ich habe mal die Wirkungsweise von 737 HEPA-Filtern für die interne Kommunikation erklärt - das war gar nicht mal so uninteressant. Wobei Reiseführer schreiben auch wirklich großartig klingt. ;)

Noch ein Kommentar zur trockenen Fachliteratur. In der Politikwissenschaft hat die frohe Botschaft, dass kluge Aufsätze nicht sperrig sein und mit zig Fremdwörtern und Nebensätzen angereichert werden müssen, leider noch nicht alle erreicht. Dabei gibt es durchaus Autoren, die sperrige Zusammenhänge detailliert und dennoch in verständlicher Form vermitteln können, sodass man den Text gerne liest. Und das ist letztlich auch immer mein Ziel. Umso mehr freue ich mich, wenn mir das auch hier mit meinen Reiseberichten gelingt. :)

Viele Grüße
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